Home
/Text
Rent-A-Wreck
Handelsblatt / Pikes Peak
Handelsblatt / Elon Musk
Madame / Inverness, Ca.
Isabel Allende
Bolero / Hollywood hotels
Archibald F
Alice
photography/people
photography/cars
photography/life
Bio
Contact
 



Der “Pikes Peak Hill Climb” ist das wohl legendärste - und gefürchtetste - Bergrennen der Welt. Seit fast hundert Jahren rasen oktanbesessene Rennfahrer zwanzig lange Kilometer auf fast 15.000 Meter Höhe. Über Stock und Stein,150 Kurven und nur wenige Meter Leitplanken. Ein Grund für Handelsblatt-Autor Helmut Werb, sich einmal der Mutprobe zu unterwerfen. Denn bald ist der Mythos dahin.

“Von Devil’s Playground an fährst du alles voll durch den Bottomless Pit”, grinst Leonard, ein netter, älterer Herr, der aussieht wie Captain Cangaroo, jener freundliche, eher zartbesaitete Moderator amerikanischer Kindersendungen aus den 60er Jahren. “Vor der schnellen Rechts kurz anbremsen, und wieder voll hoch in den Upper Pit.” Was sich anhört wie eine Fahrt durch die Horrorwelt eines Edgar Allan Poe ist genau das: “Voll” sind 220 Kilometer pro Stunde auf Kies und Dreck, die Auslaufzone links besteht aus rotbraunem Sandstein, rechts aus frischer Luft. Aus jeder Menge frischer Luft. Wer hier abschmiert, hat einen Freiflugschein für mehrere hundert Meter Sturz in den Abgrund.
Leitplanken?
Nur was für Weicheier.
Sicherheitszonen für die Zuschauer?
Meine Güte, wir sind in Colorado Springs, wo die Pickup-Trucks der Zuschauer mit Halterungen für automatische Feuerwaffen ausgestattet sind.
“Race to the Clouds” nennen die Veranstalter den “Pikes Peak Hill Climb”, das älteste und wohl auch gefürchtetste Bergrennen der Welt – welch charmante Untertreibung. Fahrt durch die Hölle wäre korrekter. Pikes Peak bedeutet zwölfeinhalb Meilen über verschmutzten Asphalt und glorifizierte Feldwege, fast zwanzig Kilometer Mythos, 150 Kurven, ein heiliger Gral für Oktan-Bessesene. Seit 1916 rasen die Berserker den Berg hinauf, von der Startlinie auf zweitausendachthundert Metern bis zum Ziel auf viereinhalbtausend atemraubender Höhe. “Death defying”, wird der der Testosteron-geladene Ritt gern genannt, todesverachtend. Stimmige Wortwahl. Vor zwei Tagen erst hat sich ein 17jähriger am “Cog’s Cut”, der vorletzten Spitzkehre vor dem Ziel, mit seinem zivilen Toyota sehr erfolgreich in den Selbstmord katapultiert.
Aus Liebeskummer.
Heute schleudert mein persönlicher Captain Cangaroo den Audi R8 durch die suizidäre Hundertachtzig-Grad-Kurve und wirbelt dabei so viel Dreck hinter sich auf, dass die Spitzen der Rocky Mountains in braunem Staub verschwinden. “Death wish” wäre treffender, die Sehnsucht nach dem heroischen Tod, und ich überlege mir, wie gescheit es gewesen sein mag, mich neben Leonard in den Sitz des Audi zu schnüren.


Lauftext: 10144 Zeichen
Gesamttext auf Anfrage

copyright: Helmut Werb
San Francisco, Juli 08